Der Normalzustand
Wo werden im Stahlhandel Handelsaufträge geplant und gesteuert? In erstaunlich vielen Betrieben lautet die ehrliche Antwort: in einer Excel-Liste. Manuell gepflegt, von wenigen Personen beherrscht, ohne Verbindung zum ERP - aber betriebskritisch.
Das ist kein Versäumnis einzelner Unternehmen. Es ist das Ergebnis einer über Jahrzehnte gewachsenen Systemlandschaft, in der jede neue Anforderung schneller mit einer Tabelle beantwortet war als mit einem Systemprojekt. ERP, Lagerverwaltung, Anarbeitung und Versand liefen nebeneinander - und Excel füllte die Lücken dazwischen.
Die Kosten dieser Lücken sind bekannt: doppelte Datenpflege, Wissen in Köpfen statt in Systemen, keine Echtzeitsicht auf den Auftragsstatus. Interessanter ist die Frage, wie der Ausstieg konkret aussieht.
Das Projekt
Die Fachzeitschrift stahlmarkt (Ausgabe 08/2023) dokumentiert die Einführung beim Grobblech-Spezialisten Ancofer Stahlhandel in Mülheim an der Ruhr, einem Tochterunternehmen von Dillinger. Das Unternehmen ersetzte die vollständig manuell gepflegte Excel-Liste für die Planung und Steuerung der Handelsaufträge durch die digitale Branchenlösung von von Zirkel Technologies — mit Schnittstelle zum SAP-System, über die alle Auftragsdaten automatisch übertragen werden.
Die im Interview genannten Ergebnisse, nach eigenen Angaben des Unternehmens: rund 30 Prozent eingesparte Arbeitszeit in Arbeitsvorbereitung und -steuerung, Kommissionierung ohne Wartezeiten, schnellere und faktenbasierte Abstimmung zwischen Arbeitsvorbereitung und Lager. Bemerkenswert am Rande: Die intuitive Bedienung half gerade Leihmitarbeitern ohne deutsche Muttersprache, Aufträge sicher zu verstehen - Digitalisierung als Antwort auf den Fachkräftemangel, nicht nur auf Prozesskosten.
Ein Detail verdient besondere Aufmerksamkeit. Auf die Frage nach den langfristigen Wünschen nennt der Geschäftsführer drei Punkte: vollständig papierloses Arbeiten, eine bidirektionale Schnittstelle - und den Verzicht auf Excel-Dateien. Denn für die monatlichen Statistiken zur Liefertreue braucht das Unternehmen Excel weiterhin.
Was der Fall über Legacy-Modernisierung verrät
Drei Muster aus diesem Fall gelten weit über das einzelne Unternehmen hinaus.
Erstens: Der Einstieg gelingt monodirektional - die Wertschöpfung liegt bidirektional. Eine Schnittstelle, die Daten aus dem ERP in Richtung Shopfloor überträgt, ist der richtige erste Schritt: überschaubares Risiko, schneller Nutzen. Aber solange Rückmeldungen nicht automatisch ins Kernsystem zurückfließen, bleibt das ERP blind für das, was in der Halle tatsächlich passiert. Auswertungen - etwa zur Liefertreue - müssen dann weiterhin von Hand zusammengetragen werden. Genau deshalb steht die Excel-Liste am Ende wieder auf dem Tisch, nur an anderer Stelle.
Zweitens: Insellösungen verschwinden nicht, sie verschieben sich. Wer eine Lücke schließt, macht die nächste sichtbar. Das ist kein Scheitern, sondern der normale Verlauf einer Modernisierung in Etappen. Entscheidend ist, ob die Etappen einer Architektur folgen - oder ob jede Etappe eine neue Insel schafft.
Drittens: Die Zielgröße ist nicht das einzelne System, sondern die eine Wahrheit. Auftragsstatus, Bestand, Anarbeitungsfortschritt und Liefertreue gehören in einen durchgängigen Datenfluss - unabhängig davon, wie viele Systeme im Hintergrund laufen. Ob das führende System SAP, Microsoft Dynamics 365 oder eine Branchenlösung ist, entscheidet sich am Prozess des jeweiligen Handelshauses, nicht am Etikett.
Der Schritt nach dem ersten Schritt
Für Handelshäuser, die den ersten Digitalisierungsschritt hinter sich haben, stellen sich die eigentlichen Architekturfragen:
- Welche Rückmeldungen fehlen dem Kernsystem? Arbeitsschritte, Ist-Zeiten, Materialverbrauch, Reststücke - alles, was heute nachträglich erfasst oder gar nicht erfasst wird.
- Welche Auswertungen leben noch in Excel? Jede dieser Tabellen markiert eine fehlende Integration - und ein Kennzahlenrisiko, denn manuell gepflegte Statistiken sind so belastbar wie ihr letzter Pflegetermin.
- Trägt die vorhandene Schnittstellenarchitektur den Ausbau? Punkt-zu-Punkt-Schnittstellen sind schnell gebaut und schwer erweitert. Eine Integrationsschicht - etwa auf MuleSoft-Basis - macht aus einzelnen Verbindungen eine Architektur, in der neue Systeme andocken, statt neue Inseln zu bilden.
Zirkel Technologies begleitet genau diesen Schritt: die Bewertung gewachsener Systemlandschaften und ihre schrittweise Modernisierung - herstellerneutral, ohne Lizenzinteresse, mit einem Projektteam, das Anarbeitung, Chargensteuerung und Liefertreue nicht erst erklärt bekommen muss. Das Ergebnis einer solchen Bewertung ist keine Systemempfehlung von der Stange, sondern eine Reihenfolge: was integriert wird, was ersetzt wird, was bleibt - und in welcher Etappe.
Denn das Ziel ist nicht, Excel zu verbieten. Das Ziel ist, dass niemand mehr Excel braucht, um zu wissen, wie es um die eigenen Aufträge steht.
← Zurück zu Impulse