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Fallstudie

Anarbeitung im SAP-Standard

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Anarbeitung im SAP-Standard

Für einen lagerhaltenden Stahlhändler ist das Produkt nicht der Stab - es ist die Länge. Der Kern des Geschäftsmodells besteht darin, Standard-Stabstahl beim Werk einzukaufen und ihn auf das Maß zu sägen, das die Zeichnung des Kunden verlangt. Genau dieses Modell tut sich in einer ERP-Standardvorlage schwer: Jede gesägte Länge ist kommerziell ein eigenes Produkt, aber niemand kann für jede denkbare Abmessung einen Materialstamm pflegen - und niemand sollte es müssen.

Wir haben eine SAP-S/4HANA-Architektur entworfen und validiert, die diesen Zielkonflikt mit den Mitteln des Standards auflöst. Rund zwanzig konfigurierbare Produktmodelle, geclustert nach Stahlgüte-Familie und Profiltyp, tragen die Stücklisten und Arbeitspläne für das gesamte Zuschnittsortiment. Die bestehenden Lagerartikel wurden nicht ersetzt - sie wurden zu Materialvarianten dieser Modelle: mit ihren Materialnummern, ihren Beständen und ihrer Bewertung, aber mit einer Fertigungsfähigkeit, die sie nie einzeln pflegen müssen. Jede konfigurierte Auftragsposition erzeugt ihren eigenen Fertigungsauftrag; eine tabellengesteuerte Schnittkostenlogik bepreist jeden Zuschnitt bereits bei der Auftragserfassung; die Werkstatt arbeitet papierlos an Touch-Terminals direkt an den Sägen - einschließlich der Erfassung von Reststücken in Echtzeit. Die Chargenrückverfolgung vom Werkszeugnis bis zum Lieferschein ist dabei kein Reporting-Projekt, sondern ein Nebenprodukt des Prozessdesigns.

Dieses Papier beschreibt das Problem, die Architektur und das Vorgehen - und warum dasselbe Muster weit über den Stahl hinaus trägt.

Die Herausforderung: wenn das Produkt eine Länge ist

Das Einkaufssortiment eines lagerhaltenden Händlers ist endlich: Güten, Profile, Abmessungen, Werkslängen. In dem Moment, in dem eine Säge ins Spiel kommt, wird das verkaufbare Sortiment praktisch unendlich - jeder Stab, jede Länge, jede Stückzahl. Die klassischen ERP-Antworten scheitern an beiden Enden. Eine Materialnummer je verkaufter Länge flutet die Stammdaten und kommt trotzdem zu spät, weil die Kundenlänge erst bei der Auftragserfassung bekannt ist. Gar kein Material bedeutet: keine Stückliste, kein Arbeitsplan, keine Kosten, kein rückverfolgbares Produkt - der Zuschnitt wird zur unsichtbaren Lagertätigkeit, die zufällig Stahl verbraucht.

Der zweite Druckpunkt sind die Kosten. Was ein Schnitt kostet, hängt von Profil, Querschnitt, Güte und der Zahl der Schnitte je Position ab. Wo das ERP das nicht rechnen kann, wandert die Preisfindung in Tabellenkalkulationen und Erfahrungswissen - tragfähig, bis die Marge einer einzelnen Auftragsposition verteidigt werden muss oder der Kollege mit dem Erfahrungswissen im Urlaub ist.

Der dritte ist die Materialrealität. Wer einen Sechs-Meter-Stab auf Kundenlängen sägt, behält einen Rest, der weder Schrott noch voller Stab ist. Reststücke sind gebundenes Kapital; sie müssen bewertet, chargenrein und auffindbar in den Bestand zurück - und nicht als ungezählte Abschnitte neben den Sägen liegen. Und im Stahl ist Rückverfolgbarkeit Vertragsbestandteil: Werkszeugnisse je Schmelze und Charge, chemische und mechanische Werte, die im Wareneingang prüfbar und bei der Lieferung druckbar sein müssen.

Und schließlich das Zwei-Wege-Problem. Derselbe physische Stab wird heute unverändert verkauft und morgen auf Länge gesägt. Ihn auf zwei Materialnummern zu verteilen, spaltet Bestand, Verfügbarkeitsprüfung und Disposition. Die Architektur musste einen Bestand und eine Materialnummer erhalten - und trotzdem zwei grundverschiedene kommerzielle Prozesse tragen.

Die Architektur: ein Produktmodell, jede Länge

Wir haben diese Anforderungen mit einer hybriden Variantenkonfigurations-Architektur gelöst - bewusst nah am SAP-Standard, mit Eigenentwicklung nur dort, wo der Standard eine echte Lücke hat.

Konfigurierbare Produkte, Bestandsartikel als Varianten

Das Sortiment ist in rund zwanzig konfigurierbare Produktmodelle (KMATs) geclustert, gruppiert nach Stahlgüte-Familie und Profiltyp. Jedes Modell trägt eine Super-Stückliste und einen Arbeitsplan, die beschreiben, wie eine beliebige Länge aus Stabmaterial gesägt wird. Die bestehenden Lagerartikel wurden nicht ersetzt: Sie wurden zu Materialvarianten dieser Modelle. Sie behalten ihre Materialnummern, ihre Bestände und ihre Bewertung - und erben über das Modell Stückliste und Arbeitsplan, die sie nie einzeln pflegen müssen. Derselbe Artikel kann damit ohne jede Konfiguration ab Lager verkauft oder über das Modell als konfigurierter Zuschnitt gefertigt werden: zwei kommerzielle Wege auf einem Materialstamm.

Entscheidungen dieser Art sind Einbahnstraßen. Ist ein Lagerartikel einmal als Variante an ein Produktmodell gebunden, gibt es keinen eleganten Weg zurück - genau diese Schritte validieren wir deshalb vorab in einer Sandbox an Echtmaterialien. Nach unserer Erfahrung kostet diese Disziplin Tage und spart Monate.

Vom Kundenauftrag zur Säge: Kundenauftragsfertigung mit Handbremse

Jede konfigurierte Auftragsposition erzeugt automatisch ihren eigenen Fertigungsauftrag - der Kundenauftrag ist der Bedarf, ohne Planungslauf dazwischen. Bewusst nicht als Selbstläufer: Die automatische Auftragserzeugung ist an die kaufmännische Freigabe des Kundenauftrags gekoppelt, und die Freigabe zur Fertigung erfolgt als kontrollierter, periodischer Schritt statt als Dauer-Automatik. Die Arbeitsvorräte an den Sägen bleiben eine Steuerungsentscheidung - kein Nebeneffekt der Auftragserfassung.

Ein Adoptionsdetail, das wir jedem mit auf den Weg geben würden: Kundenauftragsfertigung sieht in den Transaktionen, mit denen Disponenten seit Jahren arbeiten, ungewohnt aus - und manche gewohnten Wege der Auftragsanlage werden schlicht falsch. Wir gestalten Rollenmenüs und Schulung so, dass die Organisation der neuen Logik vorbereitet begegnet und nicht überrascht.

Den Schnitt kalkulieren, den Preis bei Erfassung empfehlen

Die Standard-Erzeugniskalkulation will Stückliste und Leistungssätze; eine Säge will Querschnitt, Güte und Schnittzahl wissen. Diese Lücke haben wir mit einer tabellengesteuerten Schnittkostenlogik geschlossen - pflegbar durch den Fachbereich, nicht durch Entwickler -, die die Kosten jeder konfigurierten Position berechnet und eine Preisempfehlung direkt in den Kundenauftrag stellt, datumsabhängig für künftige Liefertermine. Der kommerzielle Effekt ist einfach: Die Marge eines Zuschnitts ist bei der Auftragserfassung sichtbar, nicht erst zum Monatsende.

Lager, Chargen, Reststücke, Zeugnisse

Die Chargenfindung läuft strikt nach FIFO - die Diskussion, welcher Stab gezogen wird, verlagert sich vom Gang ins System. Ein virtueller Zuschnittplatz gibt dem Prozess in der Lagerverwaltung ein sauberes Zuhause: Stab hinein, Gutstücke und Reststück heraus. Reststücke gehen bewertet und chargenrein in den Bestand zurück - sichtbar für den nächsten Auftrag, statt in der Schattenwirtschaft der Sägehalle zu verschwinden. Die Chargenklassifizierung trägt die chemischen und mechanischen Werte aus dem Werkszeugnis; Grenzwerte werden im Wareneingang geprüft, Werkszeugnisse bei der Lieferung aus dem System gedruckt. Die Rückverfolgung von der Schmelze bis zum Lieferschein ist lückenlos - nicht als Audit-Übung, sondern weil das Prozessdesign keine Lücke lässt, durch die sie fallen könnte.

Papierlos an der Maschine

Ein eigens entwickeltes Touch-Terminal (SAP Fiori) läuft an fünf Sägen. Die Bediener rückmelden Vorgänge, buchen Warenbewegungen und erfassen Reststücke direkt an der Maschine, in Echtzeit - keine Laufkarten, kein Buchungsstau am Schichtende. Die Sägenzuordnung bleibt bewusst in der Werkstatt, wo das Wissen sitzt: Kreissägen für die kleineren Querschnitte, Bandsägen darüber, einzelne Maschinen kombinieren Sägen und Fasen in einer Aufspannung. Das Terminal unterstützt diese Entscheidung - es maßt sie sich nicht an.

Unser Vorgehen

Proof of Concept zuerst. Die Architektur wurde durchgängig an Echtmaterialien nachgewiesen - von der konfigurierten Angebotsposition über den rückgemeldeten Zuschnitt und die Reststück-Rücknahme bis zum gedruckten Zeugnis -, bevor der Rollout-Aufbau begann. Variantenkonfigurations-Architekturen gewinnen Vertrauen im Konkreten, nicht auf Folien.

Jede Designentscheidung wird in einem Entscheidungsregister festgehalten und von Kunde und Berater gemeinsam gezeichnet. Wir haben - teils auf die harte Tour - gelernt: Die teuren Entscheidungen in einem SAP-Projekt sind selten die falschen, sondern die undokumentierten. Dieselbe Disziplin gilt für Änderungen: In einer gemeinsam genutzten Konfiguration wird nichts ohne ausdrückliche Bestätigung beider Seiten gelöscht.

Die teuren Entscheidungen in einem SAP-Projekt sind selten die falschen - sondern die undokumentierten.

Und wir kartieren Unumkehrbarkeit. Schritte ohne Rückweg - die Variantenkonfiguration kennt einige - werden in einer Sandbox validiert, bevor sie ein gemeinsames System berühren. Alles andere darf schnell gehen.

Was die Zahlen sagen - und was nicht

Die strukturellen Ergebnisse sind eindeutig. Der Stammdatenaufwand konzentriert sich auf rund zwanzig Produktmodelle, statt sich über jede denkbare Länge zu verteilen; je Kundenmaß entsteht keine einzige neue Materialnummer. Jede konfigurierte Auftragsposition trägt ihre eigenen Kosten und ihre eigene Preislogik - im Moment der Erfassung. Jede Charge trägt ihr Zeugnis. Fünf Sägen laufen papierlos, und Reststücke werden dort erfasst, wo sie physisch entstehen.

Wir berichten hier bewusst strukturelle Ergebnisse statt hochgerechneter Einsparungen. Operative Kennzahlen - Erfassungsaufwand, Durchsatz je Säge, Margengenauigkeit - werden derzeit gegen den Altprozess gemessen und folgen in einer Aktualisierung dieser Fallstudie, sobald sie im Livebetrieb belastbar sind. Wir berichten lieber Zahlen, hinter denen wir stehen, als Zahlen, die gut aussehen.

Über den Stahl hinaus

Das Muster ist keine Stahl-Spezialität. Es ist die Grundform jedes Geschäfts, dessen Versprechen lautet: Standardware hinein, Kundenmaß heraus - Metall-Service-Center, Kunststoffe und Verbundwerkstoffe, Holz, Kabel und Draht, Glas. Überall dort, wo das Produkt „unser Bestand, Ihr Maß“ heißt, trägt dieselbe Architektur: eine Handvoll konfigurierbarer Modelle statt eines explodierenden Materialstamms, kostenwahre Zuschnittlogik bei der Auftragserfassung, Reststücke als geführter Bestand und Rückmeldung direkt an der Maschine.

Wenn Teile dieser Beschreibung nach Ihrem Betrieb klingen, ist der Weg zu einem funktionierenden Proof of Concept kürzer, als Sie vielleicht erwarten.

Tags
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Autor
Frau Niti Goel

Programmmanagement

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